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1. Von der Küste in die Hauptstadt der Inkas

2. Von Cusco zur Straße des Todes

3. Versuch eines 6000ers

4. Im Tiefland

5. Die Mennoniten im Chaco

6. Krokodilgrillen, Wasserfälle und Buenos Aires

 




1. Von der Küste in die Hauptstadt der Inkas



Schon die Landung in Lima brachte wieder eine neue Erfahrung mit sich: Mein Gepäck kam an... und zwar am gleichen Flughafen UND auch zur gleichen Zeit wie ich. ...
Südamerika steckt halt voller Überraschungen!

Auf der Fahrt nach Süden geht es durch die Atacamawüste. Hier gibt es Gegenden in denen es seit Jahrhunderten nicht einen Tropfen geregnet hat. In dieser vollkommenen Einöde haben die ärmsten /hartnäckigsten Peruaner kleine Claims abgesteckt. Wenn sie nachweisen können, dass sie das Land über eine gewisse Zeit (Jahre) bewohnt haben, KANN ihnen das Land von der Regierung zugesprochen werden. KANN, muss nicht!
Damit wird im Präsidentschaftswahlkampf gern auf Stimmenfang in dem zahlenmäßig großen, armen Bevölkerungsanteil gegangen.

Die Atacamawüste reicht bis direkt an die Pazifikküste. Südlich von Lima baut sich eine eindrucksvolle Steilküste auf. Jahrtausende von Wind- und Wassererosion haben hier als Baumeister gewirkt. Dabei sind skurrile Formen, Buchten und Grotten entstanden. Die "La Cathedral" bei Paracas ist vielleicht am stimmungsvollsten, besonders wenn Abends bei Ebbe die letzten Sonnenstrahlen durch den schmalen Felsspalt fallen. Das weiche Abendlicht, der wütende Pazifik und die kreischenden Möwen schaffen hier ein ganz eigenes Flair.
Vorgelagerte Inseln mit unzähligen Seelöwen und Guano produzierenden Seevögeln runden das Naturschauspiel an der Küste der Atacama ab.

Die wohl größten Zeichnungen der Welt findet man bei Nasca. Hier hat die extreme Trockenheit gigantische Scharrbilder über Jahrhunderte hinweg erhalten. Ein 60m großer Wal, ein 70m großer Affe und ein ebenso großer Kolibri sind aufgrund ihrer Dimensionen nur vom Flugzeug aus erkennbar. Auch oder gerade weil bis heute keine einheitliche, schlüssige Erklärung zur Entstehung und Bedeutung der Linien existiert, geht eine einzigartige Faszination von ihnen aus.
Einen Flug über dieses UNESCO - Weltkulturerbe habe ich natürlich auch gewagt. Wirklich einzigartige Ausblicke haben für den wilden Flugstil des Piloten entschädigt. Trotzdem war ich und mein Verdauungstrakt heilfroh als wieder fester Boden unter den Füssen zu spüren war. Zwei Stunden später wollte ich mit dem Bus weiter...

Aber, meine reservierten Bustickets wurden kurz vor meiner Nase verscherbelt. Da stand ich nun und hatte, statt einer gemütlichen Nachtbusfahrt, ein Problem. Ohne zu wissen auf was ich mich da so einlassen würde, buchte ich einen "Bus economico".
Hier ist der Name Programm: Es wird überall an Details wie Heizung (nicht existent), Fenster (einige fehlten) und Bremsen gespart. Den Zustand der Bremsen kann ich nicht beurteilen, da ich sie nie in Aktion erleben durfte. Aber dieses busähnliche Gefährt war auf jeden Fall hervorragend dazu geeignet um den Passagieren auf 4400m NN Höhe das Frieren und in den Serpentinen das Fürchten zu lehren. Zwei Reihen vor mir brach in einer Kurve einfach mal eine Sitzreihe ab... NICHT witzig für die Leute vor mir.
Nach 16 Stunden war ich froh dieses Höllengefährt, lediglich mit einem mittleren Bandscheibenvorfall verlassen zu können. Bei Kräften hielt mich eigentlich nur der Anblick der mitreisenden Indios, die Stunden im Gang stehend /sitzend /liegend zubrachten.

In der Nähe von Cusco gibt es Jahrhunderte alte Salinen. Angelegt von den alten Inkas sind sie immer noch in Betrieb. Früher waren sie Quelle von Reichtum und Macht, da Salz in den Anden und im Dschungel unglaublich begehrt war. Nach den Inkas, den Spaniern und dem Staate Peru, besitzt heute ein kleines Dorf diese Salinen. Die Ausbeutung ist lediglich Dorfangehörigen gestattet.
Die Arbeit in den hunderten kleinen Verdunstungsbecken ist unglaublich hart. Barfuss wird das Salz mit den Händen zusammengeschart und in Zentnersäcken abtransportiert. Für 50kg Salz wird hier ein Preis von 50 Cent erlösst...
Gegenwert: eine Tasse Kaffee im billigen Restaurant.

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2. Von Cusco zur Straße des Todes



Camino Inka - Der Weg des Inka

Vor über 500 Jahren angelegt, hat sich heute ein Teil des legendären Wegenetzwerkes der Inkas zum meistbegangenen Weg in den Anden entwickelt. Zwischen Ollantaytambo und Machu Pichu, dem bekanntesten Wahrzeichen Perus, erstreckt sich dieser Weg auf knapp 50km. Trotz der überschaubaren Länge werden in der Regel 4 Tage für diese Strecke benötigt. Das Profil dieses Bergsteigs weist viele Steigungen auf. Drei große Pässe sind zu überwinden, Höhen von 4200m NN zu überschreiten.

Überwältigende Ausblicke in die wilde Bergwelt der Anden, allgegenwärtige Zeugnisse der grandiosen Inkakultur und der artenreiche, stimmungsvolle Nebelwald machen diesen Weg zu einen unvergesslichen Erlebnis. Umgeben von vergletscherten Gipfeln steigt man aus dem relativ warmen Tal des heiligen Urubamba- Fluss auf bis zum "Pass der toten Frau". Eine Übernachtung hier sorgt mit Sicherheit für kalte Füße- auf 4200m Höhe herrscht bald nach Sonnenuntergang Frost. Zwei kleinere Pässe werden dann leichter bewältigt. Ein Abstieg von über 1000m, überwiegend auf von den Inkas errichteten Stufen, fordert Knie und Waden. Neben dem ungetrübten Naturerleben ist es die persönliche Herausforderung, diese schwierige Stecke zu bewältigen, von der ein einzigartiger Reiz ausgeht. Nach Tagen der Anstrengung und ständiger Selbstüberwindung erreicht man Machu Pichu. Dort kann man dann, mit dem stolzen Gefühl sich diesen Anblick "inkagleich" erarbeitet zu haben, etwas auf all die Tagestouristen herabblicken.

Dutzende von Reiseagenturen bieten diese Strecke, engl.: Inka-Trail, als geführte Wanderung an. Das gigantische Interesse an dieser Herausforderung führte zu einer überfüllten und teilweise vermüllten Bergwelt. Dadurch sah sich die peruanische Regierung zum Handeln gezwungen und reduzierte die Anzahl der Wanderer pro Tag auf 500. Angesichts der vielen Träger, die den Komfort der "Abenteurer" sicherstellen, bedeutet dies ca. 200 Touristen pro Tag. Nur als geführte Tour einer lizenzierten Agentur darf man heute diesen Weg begehen. Hohe Standards haben sich bei den konkurrierenden Agenturen eingespielt. So werden Zelte, Ausrüstung und Verpflegung (i.d.R. drei Gänge) von Trägern transportiert, auf Wunsch kann man sich von zusätzlichen Trägern auch den eigenen Rucksack tragen lassen. Angeboten werden die Touren ab reichlich 200 Euro als "all inclusiv" Pakete.

Alternative Wege nach Machu Pichu und unzählige andere Möglichkeiten die peruanischen Anden zu erleben, stellen ausreichend Geheimtipps neben dem üblichen Tourismus dar.

Cusco - La Paz

Der Inkatrail liegt nun hinter mir und ich reise weiter nach Westen, nach Bolivien zum Lago Titicaca.

Endlich am Titicacasee, knapp 4000m über dem Meer erstreckt sich hier das Meer der Anden. In der Geografie gilt er als der höchste schiffbare See der Welt, den Inkas galt er als heilig- für mich ist er einfach nur schön. Im Norden spiegelt sich die Königskordillere, eine Gebirgskette 6000er, im kalten und klaren Wasser des Lago Titicaca. Die Sonnenuntergänge der bolivianischen Stadt Copacabana sind unbeschreiblich. Jedoch noch vor der grandiosen Natur zieht die weithin bekannte Kathedrale von Copacabana die Besucher an. Unzählige Gläubige aus Bolivien, Peru andere Ländern lassen hier ihre Autos segnen. Mit viel Getöse, Weihrauch, Konfetti, Bier und Sekt werden die Autos gegen den unvorstellbar chaotischen Verkehr in Südamerika gewappnet.

Wenige Autostunden weiter erreiche ich La Paz bei Nacht. Der hell erleuchtete Talkessel bietet einen total anderen Anblick als jede andere Stadt im Dunkeln. Das Müllchaos in der Stadt, Unrat wird abends einfach für die Müllabfuhr auf die Strasse geworfen, wird nur noch vom Verkehrschaos übertroffen. Mehrere Polizisten pro Kreuzung schaffen es nicht die elementarsten Grundregeln durchzusetzen. Mehr als einmal frage ich mich, wie viele Sekunden hier ein deutscher Polizist seinen Nervenzusammenbruch hinauszögern könnte. Wenn man aber erst einmal gelernt hat sich schadlos in diesen Verkehr zu bewegen, trifft man auf das unverfälschte, vom Tourismus unberührte, Südamerika: Aufgeregte bunte und laute Märkte, auf denen alle denkbaren und für Mitteleuropäer undenkbaren Dinge (Coca, getrocknete Lamaföten, Gürteltiere, Fledermäuse,....) zu kaufen sind.

Weiter ging es nach Uyuni in Südbolivien. Von hier startete ich mit einem Jeep einige Tage in die Wüste. Ca. 900km in unwegsamstes Gelände bis ins Dreiländereck Bolivien, Chile, Argentinien standen mir bevor. Der Salar de Uyuni, der größte Salzsee der Welt, war dabei der Höhepunkt: Gleißendes Salz bis zum Horizont, eine sich im Nirgendwo verlierende Fahrspur und regelmäßige Pausen zum Kühlwasser nachfüllen, sind meine stärksten Eindrücke dazu. Vulkanische "Inseln" im Salzsee sind mit gigantischen Kakteen (max. 14m) bewachsen. Kleine Höhlen geben einen malerischen Blick frei auf das "Meer aus Salz". Lagunen in vielerlei Farbe beheimaten Schwärme von Flamingos. Diese grotesk eleganten Tiere sind wahre Überlebenskünstler in dieser lebensfeindlichen Höhe um 4000m NN. Zum Einen ertragen sie die Hitze der heißen Quellen durch die sie waten, zum Anderen lassen sie sich des Nachts bei klirrendem Frost auf den Lagunen einfrieren.
Rauchende Vulkanschlote, Geysirfelder und Thermalquellen sind Anzeichen vulkanischer Aktivität in diesem Gebiet. In der "Laguna Blanca", einer weißen Lagune in der man Salz und Eis kaum unterscheiden kann, nahm auch ich ein Bad. Es ist ein eigenartiges Gefühl bei Sturm und Frost, in das herrlich warme Wasser zu steigen. Erwartungsgemäß war nur der Ein- und besonders der Ausstieg empfindlich kalt.

Ein ganz besonderer Leckerbissen für alle Eisenbahnfreunde ist der "Cementario del tren", der Lokomotiven Friedhof vor den Toren Uyunies. Dutzende alter, ausrangierter Dampflokomotiven rosten hier langsam vor sich hin. Besonders in der kurzen Abenddämmerung ein unvergleichlicher Anblick.

Zurück in La Paz bereite ich mich vor, die gefährlichste Straße der Welt hinab zu radeln. 3500 Höhenmeter hinunter auf der "Camino de Muerto" - der Straße des Todes!

Camino de Muerto - Die Straße des Todes

Nördlich von La Paz führt die gefährlichste Straße der Welt - wie man hier stolz anmerkt - vom Altiplano hinab in den Dschungel. Die rasante Fahrt von einem Pass in 4700m Höhe bis Yolosa (1200m NN) wagte ich mit dem Fahrrad. Das erste Drittel der Strecke ist eine recht gut ausgebaute Asphaltstraße. Außer Schnee und Eis, Kälte und einigen Anstiegen (dünne Luft!) gibt es keine Probleme.
Hinter einer Kuppe öffnet sich dann der Blick in ein lang gezogenes Tal - hier sieht man erstmals ein unscheinbares Band, dass sich am oberen Drittel der Bergflanke entlang zieht - Die Straße des Todes!
Neben anderen Wagemutigen die diese Straße hinunter wollen / müssen, gibt es auch viel Verkehr bergaufwärts: Busse und schwer bepackte Laster mit Holz und Früchten aus dem Amazonasbecken quälen sich nach oben. Häufig treffen sich die Fahrzeuge nicht den Ausweichstellen der einspurigen, unbefestigten Matschpiste - gefährliche Ausweichmanöver sind die Folge.
Nicht selten hängen dabei die Doppelreifen der LKW und Busse teilweise über die Fahrbahn. Die häufigen Abstürze in die stellenweise 900m tiefe Schlucht überlebt niemand, meist können nicht einmal die Leichen geborgen werden. Ständig die unzähligen Kreuze am Wegesrand vor Augen donnere auch ich die 3500 Höhenmeter hinab. Dabei muss ich immer direkt an der Hangkante fahren, da die schweren LKW natürlich an der Bergseite unterwegs sind. Als ich endlich im angenehm warmen Yolosa ankomme bin ich total erschöpft, durchgeschüttelt und überwältigt. Nach einem frischen Apfelsinensaft werde ich meine Knochen nachzählen - es sind sicher ein paar mehr geworden ;-) Als Belohnung gönne ich mir eine nötige Dusche und vielleicht ein kaltes Bier.

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3. Versuch eines 6000ers


Die Todesstraße geschafft, im warmen Dschungel sitzend glaubte ich die gröbsten Ängste ausgestanden zu haben. Aber wie immer kam alles anders.

Coroico ist ein lauschiger Flecken Erde. Auf einer Anhöhe gelegen schaut es hinab in die Ausläufer des Amazonasbeckens. Pflanzungen von Kaffee, sämtlichen Citrusfrüchten und natürlich Coca/Koka umgeben die verschlafene Stadt.
Bei einem Ausflug traf ich auf ein gigantisches Heer von Treiberameisen. Die Abermillionen hatten gerade einen Fluss überquert und zogen nun in eine Plantage ein. Alles tierische Leben fällt dieser Lawine zum Opfer. Kleine "Häufchen" von Ameisen zeigen an wo etwas erbeutet wurde. Größere Ansammlungen waren mal Mäuse, Ratten, Schlangen o.ä.. Aufgrund dieser 100% Schädlingsvertilgung werden diese gefährlichen Tierchen von den Einheimischen mehr geschätzt als gefürchtet.

Ein Erdrutsch hatte die neue, sichere Straße nach La Paz verschüttet - also musste ich im Bus auf der Todesstraße zurück. Das zunehmend schlechte Wetter hatte die Strecke endgültig in eine Matschpiste verwandelt, während tiefhängende Wolken die Sicht auf unter 10m beschränkten. Unentwegt hupend krochen wir langsam die 3500m hinauf. Der Fahrer murmelte unentwegt ein Ave Maria nach dem Anderen. In einer engen Kurve stand dann plötzlich alles: Ein vollbesetzter, riesiger Reisebus von oben und ein überladener Holztransporter standen sich gegenüber. In einem schnellen Streit, von beiden Seiten kamen stets weitere Fahrzeuge, wurde entschieden, dass der LKW zurück zur nächsten Ausweichstelle muss. Inklusive der inzwischen zehn Fahrzeuge hinter ihm eine logistische Meisterleistung. In Millimeterarbeit, von unzähligen Einweisern begleitet, rangierten die gestressten Fahrer aneinander vorbei. Die ausgestiegenen Businsassen, die hysterisch auf der Piste herumgestikulierten waren dabei wohl kaum nützlich. Heilfroh keinen weiteren solchen Chaos zum Opfer zu fallen erreichen wir La Paz.

Ein Pärchen aus der Slowakei berichtete mir von ihrer Besteigung des Huayna Potosi, einen 6000er vor den Toren von La Paz. Nach langen Überlegen reizte mich diese Herausforderung doch zu stark: Die 6088m sind ja "nur" 13m mehr als die 6075m des Nevado Chachani, die ich im Jahr zuvor meisterte. Der Aufstieg zum Hochlager auf 5300m NN war "Kindergeburtstag"- das einzige deutsche Wort des Bergführers. Direkt am Gletscher froren wir uns durch die Nacht. Mitternacht ging es los. Trotz der sechs Lagen Wäsche fror ich bei -20ºC fürchterlich. Durch das langsame Tempo, das uns diese Höhe abforderte, wurde es stets nur kälter und kälter. Erst als mir der Eispickel aus der gefrorenen Hand fiel, starteten wir ein paar Aufwärmübungen... mit mäßigen Erfolg. Im Zeitlupentempo schlich sich unsere Seilschaft, alle mit Stirnlampen, wie ein riesiges Glühwürmchen durch die Finsternis. Ab dem "Campo Argentino" kam La Paz in Sicht: Wie ein funkelnder Teppich breitet sich "El Alto" - die Hochstadt außerhalb des Kessels - auf dem Altiplano aus. Der Steig auf dem Gletscher war relativ einfach zu gehen, an die unergründlichen Gletscherspalten gewöhnte ich mich jedoch nur sträubend. Plötzlich erhob sich hinter einer solchen Spalte eine 50m hohe, nahezu senkrechte Wand aus Schnee und Eis. Hier rutschte mir das Herz in die Hose, zumal ich in der Dunkelheit kein Ende ausmachen konnte.
Während ich noch überlegte, Anstrengung und Selbstüberwindung nehme ich gern auf mich aber hierfür hatte ich weder Erfahrung noch Ausbildung, begann die Seilschaft den Anstieg. Von oben tönte wieder "Gintergebuhrdstag", dass Seil zog an und ich kletterte einer Entscheidung enthoben los. Mich und den Berg verfluchend drosch ich den scharfen Eispickel immer wieder in den Schnee. Oben angekommen deuchte mir bereits, dass der Gipfelanstieg von 200m auf mich verzichten muss.
Nach zwei Stunden weiterer Schinderei und erbärmlichen Frierens erreichten wir beim ersten, fahlen Morgenlicht den letzten Anstieg. Vielleicht hätte ich mich im Dunkeln herangewagt, im Hellen - angesichts der weißen Wand - siegte mein Selbsterhaltungstrieb. Zusammen mit einem Halberfrorenen einer anderen Gruppe ging es zurück. Unterwegs nahmen wir von einer dritten Gruppe einen höhenkranken Spanier mit auf. Dieser konnte sich vor Erbrechen, Kopfschmerz und Erschöpfung kaum noch auf den Beinen halten. Derart "verstärkt" ging es weiter. Als wir die steile Passage erreichten, die von oben noch viel gefährlicher aussah und die ich rückwärts als Erster hinunter musste, bekam ich echte Angst. Irgendwie meisterte ich es aber doch unten anzukommen ohne ins Seil zu fallen. Der restliche Abstieg war dann wirklich "Kindergeburtstag" obwohl es nun unglaublich heiß wurde.

Zurück in La Paz versprach ich mir selbst ein paar ruhige Tage. In Cochabamba, der Stadt des ewigen Frühlings, sollen sich Körper und Nerven erholen dürfen.

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4. Im Tiefland



Nach zwei ruhigen Tagen in Cochabamba kehrte ich den bolivianischen Bergland endgültig den Rücken und fuhr nach Santa Cruz. Die Hitze und Schwüle dieser Stadt war für mich nur schwer zu ertragen. Kaum vorstellbar das hier gerade Winter herrscht.

Die einst undurchdringlichen Urwälder dieser Region sind weitestgehend der menschlichen Besiedlung gewichen. Besonders das Nachdrängen der noch ärmeren Bergbevölkerung - eine Hauptursache der aktuellen politischen Spannungen - benötigt zusätzlichen Raum. Raum, der unter Anderen in den ökologisch wertvollen Umfeld des Amboro-Nationalparks gefunden wird. Diese Bergnebelwälder, Lebensraum der ca. 15m großen Riesenfarne werden durch Brandrohdung Stück für Stück in Campos umgewandelt. Campos sind kleine Landstücke auf denen unter schwierigsten Bedingungen Landwirtschaft betrieben wird. Nach einigen Jahren ist der Boden dieser meist hängigen und steinigen Flächen erschöpft. Die dann offen gelassenen Äcker werden Jahrhunderte brauchen um wieder eine vergleichbare Artenvielfalt aufzuweisen.
Die vom Fahrer mitgenommene einläufige Flinte war uralt und sollte uns zum Schutz vor "Tigres" (Jaguar) dienen. Ich war sehr froh das kein Tigre des Wegs kam, da diese Flinte für Schützen wie Beschossenen wohl vermutlich ungefähr die gleiche Gefahr darstellte.
Die Bauern, die aufgrund der großen Entfernungen häufig Hütten auf ihren Campos haben, boten uns Chicha an. Dieses leicht alkoholische Getränk aus vergorenen Mais schmeckten - nach einer gewissen Eingewöhnungsphase - recht gut und erfrischt enorm.

Meine Weiterfahrt führte mich dann über die staubigste "Strasse" des Kontinents - durch den Chaco nach Nordparaquay. Hier im zentralen Chaco traf ich auf die Mennoniten, eine Religionsgemeinschaft deutscher Abstammung.

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5. Die Mennoniten im Chaco



Da bin ich wieder und weiter geht's mit den Mennoniten:

Im örtlichen Museum und Verein für Geschichte der Mennoniten. Ihre Geschichte würde Bücher füllen: Im Mittelalter als reformatorische Kirche, wie auch die Protestanten unter Luther gegründet, waren sie jahrhundertelang vor Verfolgung auf der Flucht. Viele siedelten sich als "RuFiladelfia" im russ. Reich an, was sich zu einer der wichtigsten Mennonitenkolonien entwickelte. Nach dem Krieg von Stalin vor die Wahl gestellt: Kommunisten werden oder GULAG, blieben sie größtenteils ihrer Religion treu. Das Ergebnis waren viele Todesopfer und mittellose Flüchtlinge. Diese fanden im Chaco, dem "leeren Viertel" Südamerikas eine neue Heimat am anderen Ende der Welt. Hier pflegen sie stolz ihre deutsche Kultur, die Umgangssprache ist beispielsweise das mir unverständliche Plattdeutsch, dass sie vor Jahrhunderten mit nach Russland nahmen. Heute haben die Mennoniten dieser unwirtlichen Gegend einen beachtlichen Lebensstandard erreicht. Für ihre sprichwörtliche Zähigkeit und ihren Fleiß werden sie von den Paraquayern und Boivianern geschätzt. Ihre zum Teil sehr konservative Mentalität, allen unverständliche Sprache und Reserviertheit macht sie jedoch gleichzeitig suspekt.
Große Teile des Chacos sind heute durch moderne Agrarwissenschaft hochwertiges Weideland für Rinder. Weite Flächen sind jedoch weiterhin als staubiges und undurchdringliches Buschland Lebensraum für eine der artenreichsten Vogelwelten überhaupt. Wie zu erwarten ist auch das Klima hier extrem. Ich kenne den Chaco als trockene, staubige Einöde mit Temperaturen um 35ºC. Das jedoch ist der Winter! Im Sommer ist der Chaco ein Backofen und 45ºC sind normal. In der Regenzeit fällt die doppelte Regenmenge wie in Thüringen im ganzen Jahr und riesige Flächen werden unpassierbarer Sumpf. Trotzdem gibt es in dieser unglaublichen Gegend zu wenig und meist nur versalzenes Trinkwasser.

Nach den Extremen geht es weiter in den gemäßigten Südwesten zum Rio Paraquay, dem Namensstifter des Landes. Das ferne Ziel der Foz de Iguazu, der größte Wasserfall der Welt, lockt.

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6. Krokodilgrillen, Wasserfälle und Buenos Aires



Nun war ich also in Concepción zum Krokodilgrillen eingeladen. Andere Länder, andere Sitten, darauf sollte man sich ja einlassen. Das Problem war nur: Ich sollte das Krokodil organisieren. Dankenswerterweise begleitete mich mein Gastgeber - Fernandez genannt - zum Markt, wo meine Unkenntnis für allgemeine Heiterkeit sorgte. Auch dass es in Deutschland keine Crocodrilios gibt, glaubte man mir nur zögernd. Schlussendlich kehrten wir mit einem halben! Krokodil und fünf Kilogramm Carpincho (Wasserschwein) zurück.

Während der stundenlangen Zubereitung auf Holzkohleöfen gab es natürlich eisgekühlten Matetee (Tereré) und Fernandez? Haus füllte sich mit sämtlichen Nachbarn. Das weiße, feste Krokodilfleisch, geschmacklich eine Geflügel-Fischmischung, fand regen Zuspruch.

Nach Krokodilgrillen und einigen weiteren Tagen in Concepción gelangte ich über Paraguays Hauptstadt Asunción nach Ciudad del Este im Südosten des Landes. Diese Stadt liegt direkt am Dreiländereck Paraguay, Brasilien und Argentinien. Nie zuvor sah ich einen derart blühenden Handel und wohl auch Schmuggel mit allen erdenklichen Waren. Auf meinem Weg nach Argentinien streifte ich Brasilien. Der Waren- und Menschenverkehr über den Fluss Rio Parana ist derart chaotisch, dass hier offenbar auf Grenzkontrollen verzichtet wird. Jedenfalls prangt in meinem Pass bis heute kein Ausreisestempel Paraguays.

Am Rio Parana liegt der Foz de Iguazu, der größte Wasserfall der Erde. Die Iguazufälle bestehen aus hunderten von Kaskaden, die in zwei Stufen 75 Meter in die Tiefe stürzen. Dabei werden maximale Durchflussmengen von sieben Millionen Litern pro Sekunde erreicht. Zum Vergleich: Bei der Jahrtausendflut der Elbe waren es weniger als fünf Millionen.

Der eindrucksvollste der Fälle ist der "garganta del diablo", der Teufelsschlund. Durch seine aufragende Gischtwolke ist er weithin sicht- und hörbar. Bootsfahrten unterhalb der Wasserfälle enden zumeist durchnässt. Das ohrenbetäubende Tosen und die Wucht des Wassers lassen einen spüren, welche Gewalt die Natur entfesselt. Flussaufwärts bauten die ehemals verfeindeten Länder Brasilien und Paraguay das weltweit größte Wasserkraftwerk.

Hier wird die Kraft des Wassers in elektrische Energie umgewandelt. Eine installierte Leistung von 12.600 Megawatt deckt 95 Prozent des Energiebedarfs von Paraguay. Gigantische 1.350 Quadratkilometer Land (Hohenwartestausee: 7,3 Quadratkilometer) wurden dafür geflutet. Diesem ökologischen Desaster steht der sauber produzierte Strom gegenüber: Tag für Tag müssen rund 135 Millionen Liter Öl weniger verbrannt werden.

nach Iguazu ging es über corrientes nach Mercedes. Dort bin ich ein Uhr Nachts in einer Geisterstadt eingetroffen, Fand dann aber doch Unterkunft (fürchterliche).
Nächsten Tag ging es nach Colonia Pellegrini an der lagune Ibera. Die lagune ist gigantisch (56km) und es gibt hier 1000erlei Tiere -allein 400 Vogelarten. Abends habe ich so viele Mücken gesehen wie es in ganz Europa nicht gibt. Diese Schwärme haben ungelogen den Himmel verdunkelt, so dass man kaum durchschauen konnte... ein gesumme. Am nächsten Tag -frühster morgen- krachten fürchterlichste Gewitter, Stellenweise für mehrere Minuten Donner am Stück. Den ganzen Tag saß ich nur dumm rum, da in diesem 700 Seelen Dorf, aber auch GAR nix interessantes gibt. Nicht mal Strom -wegen Gewitter ausgefallen. Ich konnte im Dunkeln nicht mal lesen/ Duschen/ Akku laden, u.s.w.
Ich musste mich entscheiden (es war Freitag) am Samstag früh 4 Uhr mit Bus zurück oder bis Montag 4 Uhr früh warten, da das erst nächster Bus. Ich konnte also wählen zwischen Lagune NICHT mit Boot befahren oder weitere 2 Tage in den Dreckskaff zu sitzen. Meine Bücher sind inzwischen ausgelesen, trotzdem blieb ich.
Nachts war dann wieder Strom da (hatte Lichtschalter auf verkehrter Stellung gelassen) und ich wieder wach. Früh wagte ich zu duschen (Duschen werden hier nach Tauchsiederprinzip am Duschkopf elektrisch erhitzt) um prompt eine gewischt zu kriegen. Irgendwie war da Spannung auf dem Metallduschwasserhahn- Doppelprima. Die Dusche schaltet sich stets an und aus während das Licht munter flackerte. --> Angst

Nächsten Morgen um 8 Uhr auf die Minute war ich beim Boot- besser Kanu. Die Pünktlichkeit kam natürlich unerwartet und ich wartete dann wieder ;-( Die Tour selbst war Prima. Supertoll !!! Kaimane auf 1m Entfernung gesehen und fotografiert. Wilde!! ...Naja, so wild waren die nicht. War sehr kalt. Unzählige Vögel in allen denkbaren Farben. Carpinchos auch auf wenige Meter gesehen. Höhepunkte war eine säugende Carpinchomutti ;-) und ein Carpinchopapi ;-) der schwimmend, fressend einen Vogel AUF DEM kopf sitzen hatte. Als Passagier.

Dann zurück nach Mercedes (ich fand einen Familien-Ausflügler der mich mitnahm- mein armes Kreuz -was für ne Karre) war hier grad ne Ferria. Das ist Rodeo. Bekloppterweise war die ganze Stadt ausgebucht. Ich wartete also h-lang auf einen Bus nach Buenos Aires und fuhr über Nacht da runter. Jetzt sitz ich übermüdet hier und tippe diese Zeilen (11.30 Uhr) während in dieser Herberge so langsam die Ersten "mochileros" -Backpacker- wach werden. Nachdem ich früh 5.00 Uhr angekommen war, musste ich erst mal ne h durch die ausgestorbene Stadt stiefeln um ne bezahlbare (erstes Angebot 35 ?) Unterkunft zu finden.

Etwas weiter südlich lassen sich vereinzelt noch Gauchos antreffen, die Cowboys Südamerikas. Ihre Kultur hat Sonnen- und Schattenseiten. Eine alte Tradition ist das Ringstechen: Der Gaucho auf dem Pferd versucht, den Ring einer Dame im vollen Galopp auf ein Stöckchen aufzuspießen. Gelingt es ihm, wird er die Dame bei der Rückgabe des Schmuckstücks um einen Kuss bitten. Sollte die Umworbene ihm hold sein, lässt sie ihn gewähren. Dieses halsbrecherische Geschicklichkeitsspiel hatte sich vor etwa zweihundert Jahren als Ersatz für die meist blutigen Revolver-Duelle etabliert.

Im Kontrast zu dieser heroisch verklärten Gauchokultur steht die entbehrungsreiche Realität. Kehren die Cowboys aus der Pampa zurück, wird - man kennt es aus Wild-West-Filmen - viel getrunken. Einige Male beobachtete ich meinen Wirt, wie er einem völlig betrunkenen Mann Wein auf das Pferd reichte. Zum Absteigen wäre er nicht mehr in der Lage gewesen.

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