Home Galerie Diavorträge Bildband Berichte Reisetipps Downloads Videos Kontakt Links Shop

Roraima - Teil II - wo die Welt am Ältesten ist

 

Der Roraima Tafelberg ist eine der ältesten geologischen Formationen der Erde. Die Gesteine die diesen Tepui (Tafelberg) bilden sind über zwei Milliarden Jahre alt und weit älter als jegliches, sei es noch so primitives, Leben auf unserem Planeten. Selbst die Ära der Dinosaurier war nur ein Wimpernschlag der Geschichte verglichen mit dem Alter der Tepuis. Als Afrika und Südamerika noch gemeinsam den Superkontinent Gondwana bildeten gab es schon diese Massive. Das unvorstellbare Alter und die unzugänglichen Steilwände (das Plateau ragt rund tausend Meter über das Umland heraus) führten zu einer einzigartigen und eigentümlichen Flora und Fauna. Der Roraima ist auf seinem Hochplateau kalt und feucht während die Gran Sabana zu seinen Füßen ein heißes und trockenes Klima prägt. Sollte es also einer Tier- oder Pflanzenart irgendwie gelingen die tausend Meter hohe Steilwand zu überwinden, findet sie derart fremde Lebensbedingungen vor, dass sie niemals überleben könnte. Die Roraima - Hochebene ist daher seit jeher nahezu vollständig von der biologischen Entwicklung außerhalb abgeschnitten. Fauna und Flora sind karg und muten prähistorisch an. Es gibt Arten (z.B. eine Froschart) die sind so alt, dass ihre nächsten Verwandten in Afrika leben (siehe oben), mit den unzähligen Froscharten Südamerikas hat es nie eine Durchmischung gegeben. Die eigentümliche, prähistorisch wirkende Vegetation haben die ersten Entdecker und Forschungsreisenden anschaulich beschrieben. Diese Expeditionsberichte inspirierten unter Anderem Sir Arthur Conan Doyle zu seinem Weltbestseller „Die vergessene Welt“ („The Lost World“) in dem auf dem Roraima (im Roman wurde der Name geändert) noch Dinosaurier bis in unsere heutige moderne Zeit überlebt haben.

All diese herrlichen geologischen, biologischen und literarischen Details hatte ich war im Hinterkopf als wir uns den Berg hinauf quälten…nur leichter wird der Aufstieg dadurch nicht ;-)

Glücklicherweise hatte es seit einigen Stunden nicht geregnet und so führten die Wasserfälle, die auf uns hernieder prasseln würden, kaum Wasser.  Es gibt nämlich größtenteils nur nackten Fels und sehr wenig Boden auf dem Plateau. Bei Regen steht daher alles schnell unter Wasser, aber es fließt auch alles schnell wieder ab. Der kümmerliche Rest des Wasserfalls zerstäubte jedenfalls schon hunderte Meter über uns und sein Wasser vermischte sich mit dem Nebel der Wolken die uns umgaben.

Unser Pfad ist steil. Auf zwei Kilometern Horizontalentfernung geht es tausend Meter hinauf. Dass es von Zeit zu Zeit auch immer wieder Stücke abwärts geht, macht alles noch schwieriger. Trotzdem irgendwann sind wir oben. Wir haben das Plateau erreicht und können im immer noch dichten Nebel kaum ein paar Dutzend Meter weit schauen. Eine kärgliche und kleinwüchsige Vegetation und skurrile Felsgebilde fallen als erste auf. Ein circa fünf Meter langer Felsen scheint nahezu zu schweben, nur in der Mitte liegt der riesige Block auf – die „fliegende Schildkröte“ („Flying Turtle“) – ein treffender Name. Nach weniger als zehn Minuten auf der Hochebene beginnt es natürlich wieder zu regnen und so machen wir uns zügig auf Richtung Nachtlager. Es sind nur noch wenige Kilometer,  aber die Landschaft scheint irgendwie nicht von dieser Welt oder zumindest nicht aus unserer Zeit zu sein. Wenn man hier unvermittelt einem Dinosaurier gegenüber steht, würde man es als das normalste auf der Welt ansehen, den Dinosaurier freundlich grüßen und mehr oder weniger zügig (kommt darauf an ob Pflanzen- oder Fleischfresser) weitergehen.

Unser Zelt schlagen wir unter einer vorstehenden Felswand auf und sind hier trocken aufgehoben. Leider regnet es nun ununterbrochen noch den kompletten Nachmittag, den Abend, die ganze Nacht und bis zum nächsten Mittag. Nach 24 Stunden zusammengedrängt auf engsten Raum laufen wir nun los. Es regnet nur noch wenig und wir erhoffen von der Kante des Tafelbergs unter Umständen einen Blick ins Tal erhaschen zu können. Der Berg ist riesig und so sind wir ein paar Kilometer unterwegs bis zu Kante. Inzwischen regnet es nicht mehr, aber noch immer hängt alles im dicksten Nebel. Wir stehen nun zwar an der Kante, aber ob es dort 3 Meter, 300 Meter oder 1000 Meter heruntergeht ist nicht erkenntlich. Ich bin ziemlich frustriert. Ein dreitägiger anstrengender Aufstieg und 24 stündigen Regenarrest und jetzt hat man keinen herrlichen Ausblick wie erhofft, sondern es sieht aus wie ein Blick in die Waschküche meiner Großmutter. Wir warten einige Zeit und entscheiden dann noch ein paar Kilometer weiter zu gehen und es an einer anderen Stelle erneut zu probieren. Vielleicht steht dort der Wind ja günstiger. Es geht also hinauf zum höchsten Punkt des Tepuis und damit auch auf den höchsten Punkt von Brasilien. Leider ist es auch hier trüber und es beginnt leicht zu tröpfeln. Trotzdem macht uns unser Bergführer, ein Indianer aus Guyana, Hoffnung und so warten wir weiter. Es sollte Recht behalten. Mit einem Schlag riss der Himmel auf. Ein Windstoß zerrte die großen Wolken weg und wir standen blinzelnd in der grellen, hochstehenden Tropensonne. Für wenige Minuten enthüllten sich weite Teile des Hochplateaus und es wurde deutlich wie gigantisch es eigentlich ist. Am eindrucksvollsten war aber der Blick Richtung Tal. Meist konnten wir es gar nicht richtig sehen, da Wolken unter uns die Sicht darauf verdeckten. Aber gerade der Blick auf die Wolken von oben, aus eigenen Kräften erkämpft und nicht aus einem Flugzeug, ist unvergesslich. Ständig schob es von unten neue Wolkenmassen die senkrechte Wand hinauf, wo sie verweht und aufgelöst wurden. Ein herrlicher Anblick, genau der Anblick wegen dem wir den Aufstieg in Angriff genommen hatten. Toll! Wir waren überglücklich. Es störte uns auch nicht wirklich, dass nach wenigen Minuten die herauf quellenden Wolken den Kampf gegen Sonne und Wind wieder mühelos gewannen…es wurde wieder finster und es regnete. Es war  uns aber egal, wir würden dieses kraftvolle – schöne Naturschauspiel wohl niemals vergessen. Klatschnass und tief zufrieden kehrten wir zum Zelt zurück.

Tags darauf machten wir uns auf den Rückweg. Nun hatte es allerdings lange genug geregnet, sodass die Wasserfälle gut gefüllt waren und unter einem mussten wir durch. Auf einem steilen Teilstück im oberen Drittel des Weges knallte das Wasser aus mehreren hundert Metern Höhe auf uns hernieder. Das war nun wirklich kein zerstäubter Regen mehr, es waren wahre Wassermassen. Wurde man von einem richtigen Schwung getroffen, war es als würden mehrere Badewannen über einem ausgeleert. Die Wucht des Wassers war leicht beängstigend und das Wasser war recht kalt. Ich hatte mir aus einem Müllsack einen Regenschutz gebastelt und blieb auch obenrum mehr oder weniger trocken. Das Wasser ran dann aber daumendick an mir herunter und die Schuhe standen in einer Sekunde randvoll unter Wasser. Bei jedem Schritt schwabberte es lustig in den Stiefeln, denn unser Pfad war durch den Regen zum Bachlauf geworden…trocken wurden wir heute nicht mehr!

Nach sechs Tagen erreichten wir wieder die Zivilisation und waren erschöpft, aber glücklich über die gelungene Tour. Unser nächstes Ziel ist nun Amazonien dazu mehr im nächsten Bericht. 

 

vorheriger Reisebericht ---- nächster Reisebericht



   © Thomas Heinze Impressum     Datenschutz