Home Galerie Diavorträge Bildband Berichte Reisetipps Downloads Videos Kontakt Links Shop

Roraima - Teil I - Aufstieg in die vergessene Welt

 

Brasilien, der fünftgrößte Staat der Welt, ist riesig und so ist beim Reisen das Flugzeug manchmal die beste Variante. Eigenartigerweise ist Fliegen auf Langstrecken häufig billiger als der Bus und schneller, abgesehen davon gibt es in Amazonien sowieso kaum Straßen.

Beim Landeanflug auf Boa Vista, im Norden Brasiliens gelegen, regnet es derart stark, dass der Pilot nicht landen kann. Daher kreisen wir 45 Minuten über der Stadt in der Hoffnung der Regen lässt nach, mussten dann aber doch abdrehen und nach Manaus zurückfliegen. Hier haben wir erstmals vor Augen geführt bekommen, wie viel Gewalt tropischer Regen zu Regenzeit entwickeln kann. Trotzdem haben wir riesiges Glück, da wir von der Fluggesellschaft ein Hotelzimmer gestellt bekommen und zwar….in einem Fünf-Sterne Hotel. Das ist für uns Premiere und wird wohl auch vorerst einmalig bleiben. Am nächsten Tag klappt der Flug und es geht weiter nach Santa Elena in Venezuela um den Roraima zu besteigen.

Der Roraima ist ein Tafelberg, ein Tepui wie die hier ansässigen Indianer sagen, und auf dem Hochplateau liegt das Dreiländereck Brasilien, Venezuela und Guyana. Mit 2810 Metern Höhe ist der Roraima der höchste Berg in Brasilien, aber es gibt nur eine Aufstiegsmöglichkeit und die liegt in Venezuela. Das es nur einen einzigen Pfad hinauf gibt, ist erstaunlich bei einem Tafelberg mit 31 Quadratkilometern Oberfläche. Die Felswände sind jedoch überall senkrecht und ragen knapp 1000 Meter über ihre Umgebung hinaus.

Der Berg steht in Indianerterritorium und darf ohne von den Indianern autorisierten Führern nicht bestiegen werden. Es wäre auch nicht ratsam, da man den Weg hinauf zwar ganz gut finden kann, sich aber in der unwirklichen Umgebung der Hochebene  fast zwingend verlaufen würde. Es ist auch einfach beruhigender sich bei einer sechs-tägigen Bergtour auf erfahrene Leute verlassen zu können und so schlossen wir uns einer organsierten Tour (siehe Empfehlungen) an, schürten die Stiefel und brachen auf.

Der erste Tag sollte eigentlich eine der berühmten „Kindergeburtstags-Touren“ werden! Rund zehn Kilometer auf ebener Strecke. Wir starteten erst gegen Mittag und zeitgleich mit uns startete der Regen. Auch das letzte Stück der Strecke regnete es und so machte es halt doch nur wenig Spaß. Immerhin konnten wir uns so schon mal an den Regen gewöhnen, denn er sollte unser ständiger Begleiter werden.

Am Tag zwei war auch nicht viel weiter, aber es ging immerhin 700 Höhenmeter bergauf und wir hatten zwei Flüsse zu durchqueren. Die Flüsse führten gerade wenig Wasser und so reichten sie uns nur knapp unter die Knie. Die Steine waren aber sehr rutschig und die Strömung stark, sodass ich immer besorgt war, ich könnte samt meiner Fototechnik reinplumsen. Als nachmittags die Sonne herauskam, wurde es fast unerträglich heiß. Die Sonne stand fast senkrecht über unseren Köpfen (es ist Ende Mai und wir sind nur 5° nördlich des Äquators) und so wünschten wir uns schon beinahe den Regen zurück. Abends schliefen wir im Basislager, die senkrechte Felswand des Roraima klar vor Augen…wenn der Nebel den Blick mal freigab (bis heute habe ich den Roraima noch nicht unverhüllt gesehen). Tausend Höhenmeter über uns liegt die Ebene des Tafelberges, da geht es morgen rauf!

Tag drei: Heute liegt die kürzeste Wegstrecke vor uns: nur zwei Kilometer. Aber es geht halt einen Kilometer dabei nach oben. Wir starten und gleich nach dem Basislager geht die offene Landschaft der Gran Sabana im dichtesten, absolut unberührten Gebirgsnebelwald über. Alles ist in Nebel gehüllt und nur die nächsten paar Dutzend Meter tauchen aus dem Dunst auf. Die tropische Vegetation ist unglaublich üppig und vielfältig, nur leider fehlt mir die Zeit und Muße sie zu bewundern, denn es geht extrem steil bergan. Auf einmal verdünnt ein Luftzug für einige Augenblicke einen Nebelschwaden und die Sicht steigt von zehn Meter auf vielleicht 50 Meter an. Mir klappt der Unterkiefer herunter: Wir stehen keine 20 Meter vor der senkrechten Felswand entfernt. Wie ulkig programmierte Roboter legen wir unseren Kopf weit, weit in den Nacken und schauen die Wand hinauf. Sie verliert sich nach 20, 50 vielleicht auch erst nach 100 oder 200 Metern im Nebel. Die Fläche scheint unendlich. Nach oben, links und rechts verliert sich der glatte Fels langsam und unmerklich im Dunst. Wo der Fels endet, wo der Nebel beginnt, lässt sich unmöglich sagen – irgendwo eben. Dadurch entsteht der Eindruck die Fläche wäre unendlich und mich beschleicht, wider jeglicher Logik, der Gedanke, dass ich falsch stehe. Für einen Augenblick ist es mir als wäre es falsch komisch VOR dieser Fläche zu stehen ich sollte eigentlich DARAUF stehen. Es war nur ein flüchtiger Eindruck, den mein Gehirn dankenswerterweise sofort wieder verwarf und ich habe es auch nicht ausprobiert ;-) Wie viel von der steinernen Vertikale nun wirklich zu sehen war, lässt sich kaum schätzen, außerdem verhüllte nach einigen Sekunden die nächsten Nebelschwaden den surrealen Ausblick.

Tief beeindruckt, aber auch ziemlich eingeschüchtert, schließlich müssen wir ja noch dort hinauf, kraxeln wir weiter.

Fortsetzung im nächsten Reisebericht!

 

vorheriger Reisebericht ---- nächster Reisebericht



   © Thomas Heinze Impressum     Datenschutz