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Blumenau - ein Stück Deutschland unter Palmen

 

Knapp 20 Stunden im vollklimatisierten Bus waren wir von Rio de Janeiro aus unterwegs bis nach Blumenau. Klimatisiert klingt ganz prima bei der tropischen Hitze draußen. Das Problem ist allerdings, dass eigentümliche Temperaturempfinden der Brasilianer. Die Busse werden tatsächlich auf circa 20°C herunter gekühlt…also ein gewaltiger Temperatursturz. Es ist schon ein lustiger Anblick, wenn bei 40°C die Leute mit dicken Decken, Jacken und Kissen am Busbahnhof warten. Aber man braucht die kuscheligen Decken bei der Kühle im Bus eben tatsächlich.

Schon in der Umgebung von Blumenau sind uns etliche vertraute Dinge aufgefallen. So hießen beispielsweise viele Ladenbesitzer auf einmal Schulze, Müller, Schmidt und Vogel. Wir sahen die ersten waschechten Fachwerkhäuser und fast die Hälfte aller Autos waren von Volkswagen. In Blumenau selbst wohnten wir in dem Fachwerk-Hostel „Herman“ und es gab zum Frühstück schon Wurst, was sonst in Brasilien undenkbar ist.

Die Existenz dieser deutschen Stadt geht auf Herrn Herman Bruno Otto Blumenau zurück. Er gründete 1850 die Stadt und viele Deutsche strömten nach. Die ganze Region war lange Zeit von den deutschen Einwanderern geprägt und Deutsch war sogar die übliche Verkehrssprache für circa ein Jahrhundert. Erst im Zuge des Zweiten Weltkrieges wurde Deutsch als Sprache verboten und den ansässigen Deutschen in vielerlei Hinsicht das Leben extrem schwer gemacht. Inzwischen hat sich vieles wieder gelockert, aber viel der deutschen „Infrastruktur“ wie Schulen, Vereine, Kirchen und so weiter wurde dauerhaft zerstört.

Bei unserem Besuch im historischen Museum der Stadt, dem ehemaligen Wohnhaus des Herrn Blumenau, trafen wir eine kirchliche Frauengruppe. Sie gehören alle zur deutschen Kirchgemeinde und sind Nachfahren deutscher Einwanderer. Alle stammen aus den Dörfern der Umgebung und machen einen gemeinsamen Ausflug nach Blumenau. Als sie erfahren haben, dass wir „richtige“ Deutsche sind, waren sie ganz begeistert und wir sind von den Damen auf das herzlichste begrüßt worden. Es haben sich alle, selbstverständlich auf Deutsch, vorgestellt und es war ein schönes Gefühl so fern von zu Hause so vertraute Namen zu hören. Viele der Frauen hatten unglaublich viele Fragen zu Deutschland, aber auch zu unserer Meinung zu Brasilien und natürlich zu Blumenau. Ich hatte den Eindruck, dass sie selbstverständlich ihr Blumenau lieben, aber es gibt eine riesige Sehnsucht nach Deutschland, dem Land ihrer Groß- und Urgroßväter. Viele, aber nicht alle, waren auch schon mal in Deutschland bzw. haben sogar einige Jahre dort gelebt. Sie berichteten lebhaft wie schön es doch in der alten Heimat sei…die negativen Seiten verdrängt man natürlich. Es sind manchmal nur kleine Dinge die sie hier in Blumenau vermissen. So gedeihen im tropischen Brasilien keine Rosen, was sie tatsächlich als einen großen Verlust empfinden. Es gibt zwar Jahreszeiten, es ist manchmal heißer oder weniger heiß, aber den Wandel von sprießenden Frühling, lauschigen Sommer, bunten Herbst und klirrend kalten, weißen Winter kann man hier nicht erleben….es ist ganzjährig gleichmäßig grün. Auch wenn mal so manches Mal über das Wetter schimpft, ein Ausbleiben der Jahreszeiten wäre für mich auch ein Verlust…wie mir jetzt klar wurde. Neben diesen „Kleinigkeiten“ sind es aber natürlich die Probleme mit denen vermutlich alle Immigranten zu kämpfen haben. Das „Herausgerissen sein“ aus der eigenen Kultur, Sprache, Mentalität, Werten und Geschichte. Wenn es die ersten Generationen es noch sehr erfolgreich geschafft haben unglaublich viel davon in die neue Welt „hinüber zu retten“, so müssen die Älteren heute dem Schwinden der deutschen Kultur hilflos zusehen… aufgrund des Zweiten Weltkrieges ist hier sehr, sehr viel verloren gegangen. Viele Jüngere Deutschstämmige sprechen kein Deutsch mehr und selbst den Älteren (denen Deutsch jahrelang verboten war) geht Portugiesisch inzwischen weitaus flüssiger über die Lippen.

Auch wenn es immer noch viele, viel wirklich typisch deutsche Dinge hier gibt, die „deutsche Epoche“ in Brasilien scheint beendet. Bewerten, gerade im Lichte der gegenwärtigen Immigrantenintegrations-Diskussionen in Deutschland, mag das jeder für sich.

Wir haben uns jedenfalls riesig über die herzliche Aufnahme bei den netten Damen gefreut und noch am gleichen Abend eine ihrer Ausflugsempfehlungen besucht. Wir sind in die Brauerei des berühmten „Eisenbahn“ Bieres gefahren. Dort gab es typisch deutsches Essen und ein wirklich herausragend gutes Bier. Man  hat uns die (wirklich ganz, ganz kleine) Brauerei auch mal gezeigt und dann hat auch schon die Musikkapelle gespielt. In typisch deutschen Trachten spielten die „Hausmusikanten“ so manche bekannte Melodie. Wir wurden schon nach kurzer Zeit mit an den „deutschen Stammtisch“ mit eingeladen und feierten mit netten Leuten, gutem Bier und toller Musik bis in die späte Nacht.

Am letzten Tag besuchten wir noch das „Villa Germanica“, dass Deutsche Dorf. Man hat hier mit so circa 20 bis 30 hübschen Fachwerkhäusern einen typischen deutschen Altstadtkern nachgebaut und man fühlt sich wie zu Hause. Natürlich sind dies alles Gaststätten und Mitbringsel-Läden mit allen möglichen Souvenirs die irgendwie mit Deutschland zu tun haben. Vom Maßkrug, Hosenträger, Gamsbart bis zu Kräuterschnaps und Volksmusik-CDs ist alles zu haben. Die größte Feier findet hier zum „Blumenauer Oktoberfest“ statt. Direkt am Villa Germanica gibt es noch drei riesige Hallen und hier finden alljährliche über eine halbe Million Menschen, zum größten deutschen Oktoberfest außerhalb Deutschlands, Platz. Selbst in Brasilien kennt jeder das Oktoberfest und war schon hier oder will unbedingt mal dabei sein. Es ist nach dem Karneval das größte Fest des Landes.

Leider, leider hatten wir nicht genug Zeit um bis zum Oktober zu warten und so ging es weiter nach Iguazu, den größten Wasserfällen der Welt.

   

 

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